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„Wie man mit dem Leben fertig wird“ (Predigt über 1 Mose 32,1-22)

Samstag 3. Februar 2018 von Pfr. Winrich Scheffbuch


Pfr. Winrich Scheffbuch

„Am Morgen aber stand Laban früh auf, küsste seine Enkel und Töchter und segnete sie und zog hin und kam wieder an seinen Ort. Jakob aber zog seinen Weg. Und es begegneten ihm die Engel Gottes. Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim. Jakob aber schickte Boten vor sich her zu seinem Bruder Esau ins Land Seïr, in das Gebiet von Edom – das ist also noch jenseits des Jordan, das heutige Jordanien – und befahl ihnen und sprach:

So sprecht zu Esau, meinem Herrn: Dein Knecht Jakob lässt dir sagen: Ich bin bisher bei Laban lange in der Fremde gewesen und habe Rinder und Esel, Schafe, Knechte und Mägde ausgesandt, es dir, meinem Herrn anzusagen, damit ich Gnade vor deinen Augen fände. Die Boten kamen zu Jakob zurück und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann. Da fürchtete sich Jakob sehr, und ihm wurde bange. Und er teilte das Volk, das bei ihm war, und die Schafe und die Rinder und die Kamele in zwei Lager und sprach: Wenn Esau über das eine Lager kommt und macht es nieder, so wird das andere entrinnen. Weiter sprach Jakob: Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak, der du zu mir gesagt hast: Zieh wieder in dein Land und zu deiner Verwandtschaft, ich will dir wohl tun -, Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind auch mir zwei Lager geworden. Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich, die Mütter samt den Kindern. Du hast gesagt: Ich will dir wohl tun und deine Nachkommen machen wie den Sand am Meer, den man der Menge wegen nicht zählen kann.

Und er blieb die Nacht da und nahm von dem, was er erworben hatte, ein Geschenk für seinen Bruder Esau: zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Widder und dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Esel, und tat sie unter die Hand seiner Knechte, je eine Herde besonders, und sprach zu ihnen: Geht vor mir her und lasst Raum zwischen einer Herde und der andern. Und er gebot dem ersten und sprach: Wenn dir mein Bruder Esau begegnet und dich fragt: Wem gehörst du an und wo willst du hin und wessen Eigentum ist das, was du vor dir hertreibst?, sollst du sagen: Es gehört deinem Knechte Jakob, der sendet es als Geschenk seinem Herrn Esau und zieht hinter uns her. Ebenso gebot er auch dem zweiten und dem dritten und allen die den Herden nachgingen, und sprach: Wie ich euch gesagt habe, so saget zu Esau, wenn ihr ihm begegnet, und saget ja auch: Siehe, dein Knecht Jakob kommt hinter uns. Denn er dachte: Ich will Esau versöhnen mit dem Geschenk, das vor mir hergeht. Danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mich annehmen. So ging das Geschenk vor ihm her; er, Jakob, aber blieb diese Nacht im Lager.“ (1 Mose 32,1-22)

Jakob war so froh, als er endlich diesen schwierigen Schwiegervater abgeschüttelt hatte. Er muss ja richtig erleichtert gewesen sein, wie auch diese Klippe heil überstanden war. Ich stelle mir das so vor: Von einem Berg blickt er hinüber und sieht über den Jordan endlich Heimatland. Wie hat er sich diesen Augenblick ersehnt! Jetzt komme ich wieder heim. Und seine Schritte sind so schwer. Er kann kaum laufen. Er hat Angst. Denn erst in diesem Moment wird ihm bewusst, was auf ihn wartet. Die ganzen zwanzig Jahre hat er verdrängt und vergessen, dass in seinem Leben eine schwere Schuld war. Man kann das ja so leicht machen, dass man sagt: Ich denke nimmer dran, das wird schon werden, die Zeit wird’s richten. Wie hat seine Mutter gesagt? Der Zorn wird auch verfliegen.

Der verflog aber nicht! Und jetzt steht Jakob ganz allein da und muss diesen schweren Weg gehen, seinem zornentbrannten Bruder entgegen. Ich weiß nicht, welchen schweren Weg Sie in der nächsten Woche gehen müssen. Ich habe diese Predigt überschrieben: „Wie man mit dem Leben fertig wird“. Das ist für uns moderne Menschen am Ende des zweiten Jahrtausends ja die Lebensfrage. Wir sagen immer wieder über Gott, das interessiert uns gar nicht, mein Leben ist so problematisch, mein Chef, meine Berufsschwierigkeiten, mein Arbeitslosigkeit, meine Geldprobleme, meine wirtschaftlichen Fragen. Setze ein, was du willst.

Das von Jakob ist doch erzählt, weil wir solche schwierigen Wege gehen, ganz allein. Das, was wir meistern sollen, übersteigt unsere Kraft, wir schaffen das nicht. In der Bibel wird uns ja nicht von irgendwelchen großen Athleten erzählt, von irgendwelchen großen, gewaltigen Schaffern, sondern von ganz, ganz schwachen Menschen wie wir. Wenn es hier von Angst heißt, ist in der Bibel immer dieser Würgegriff am Hals, wo man sagt: den letzten Schnapper noch an Luft: Ich komme um, ich komme um. Ich krieg‘ das nicht fertig. Und ich könnte es jetzt durch die ganze Bibel durchzeigen. Als die Israeliten am Schilfmeer standen und die Ägypter ihnen nachjagten – vor ihnen das Wasser und links und rechts die Felswände: Es gab kein Überleben mehr.

Doch: Mose rief zum Herrn. Kennen Sie das? Da ist der Herr da. Selbst der große Gotteszeuge Paulus, der von niemand zu stoppen war, erzählt, wie er in der Provinz Asien am Leben verzagt war. Depressionen sind das. Wir dachten schon, wir kämen um. Das geschah aber, dass wir unser Vertrauen auf den setzen, der Tote lebendig macht. In großen schweren Lebenskrisen könne wir ganz neu die Macht unseres großen Herrn entdecken. Dieser Jakob mit seinen Bleifüßen, mit der Angst, mit seiner ganzen Not, der fühlt sich nicht anders als Sie, wenn man Sie auf dem Karren in den OP-Saal hineinschiebt.

Verstehen Sie. Was soll ich jetzt noch machen können? So wie Sie hilflos oft Menschen ausgeliefert sind. Und wie oft meinen Sie: Die Menschen meinen es nicht gut mit mir. Sie wollen mich fertig machen. In dem Augenblick zeigt Gott diesem Jakob die Engel. Er sieht etwas von der großen, gewaltigen Macht Gottes und seiner Diener. Und Jakob nennt diese Stätte Mahanajim. Es wäre schön, wenn wir auch solche Erinnerungstafeln anbringen, an Plätzen wo wir verzagt und mutlos waren und dann plötzlich Gott uns erschien. Hadern Sie darum, weil Sie keine Engel sehen? Ich denke, die Verheißungsworte sind noch größer. Diese wunderbaren Zusagen der Schrift, wo Gott sich verbürgt oder was noch wunderbarer ist, der Blick aufs Kreuz, wo Jesus es Ihnen klarmacht: für dich habe ich alles hergegeben. Ich will mich in deinem Leben verherrlichen. Und ich bin für sündige Menschen gestorben.

Mut machende Blicke in trostlosen Augenblicken. In der hebräischen Sprache ist alles ein wenig bildhaft. Ich kann das nur immer wieder betonen. Durch dieses Kapitel zieht sich immer wieder das Wort vom Lager. Das ist Gottes Lager. Darum hat er die Engel gesehen. Weil ja nachher das Lager, die Heerschar von dem Esau ihm entgegen zieht. Und der pfiffige Jakob macht schnell aus seiner großen Schar auch zwei Heere. Hat er’s begriffen, dass die Heere Gottes ihn beschützen, dass der Trost und die Freude darin bestehen: Du bist unsere Zuversicht. Ich will’s heute Morgen einhämmern, dass Sie jetzt in den Nöten und Ausweglosigkeiten des Lebens sagen: Wie werde ich mit dem Leben fertig?, nur so, wie denn sonst. Sie schaffen’s doch nicht.

Gott will ihn bergen, schützen und bewahren und behüten. Er war schon – wie sagen wir – ein Cleverle, der Jakob, pfiffig und er war schon gut, er war ein Steh-auf-Männchen, er wurde mit allen Lagen fertig, hat sich immer durchlaviert, wie’s die frommen Leute immer können. Dass er sagt – wie sagt man in der Fachsprache – man kann sein Risiko minimalisieren, wenn man zwei Heere macht: 50% rettet man, wenn man’s klug anstellt und der Abstand genügend groß ist, können sie wenigstens noch durchkommen. O Jakob, was sind deine Lösungen für dumme Auswege! Entweder schützt dich Gott, dann bist du bewahrt und gerettet, oder Gott schützt dich nicht, dann bist du verloren und kommst um.

Und dann trichtert er seinen Boten, seinen Mitarbeitern noch einen Spruch ein. Sie sollen, wenn sie dem Esau begegnen mit seinem Zorn, ihm sagen. Mein Herr, dein Knecht. Der Jakob hat sich weit gedemütigt vor seinem Bruder Esau. Und manchmal haben wir keine Scheu, uns vor Menschen ganz tief zu beugen. Wissen Sie, dass das nicht der Bibel Art ist? Gott will, dass wir vor Menschen aufrecht stehen. Gott will, dass wir uns nicht vor Menschen beugen. Vor Gott sollen wir uns beugen. Und es ist nicht nötig, dass wir zu Menschen sagen: Ich bin dein Knecht, auch nicht zu Esau, auch nicht um uns dadurch Freiheit zu erkaufen. Wir sollen uns nicht vor Menschen heruntersetzen lassen, nicht der Menschen Knechte werden. Es gilt, vor den Herren dieser Welt und vor den Obrigkeiten und vor den Gewalten – Christen haben eine Würde – und glaubende Menschen, die vor Gott knien können und ihren Kopf beugen können, die können vor Menschen aufrecht stehen.

Ach was ist das für eine erbärmliche Haltung, die der Jakob einnimmt, bloß um sein Leben zu retten. Das kann doch nicht wahr sein. Eigentlich sind die Lebenskrisen, so sehen wir’s in der Bibel immer, die großen Lebenskrisen Sternstunden, Stunden, wo man plötzlich alles klar machen muss: hinüber oder herüber. Irgendwo muss man Stellung beziehen. Und in vierzehn Tagen werden wir noch einmal drankommen, wo Jakob nicht mehr ausweichen kann, wo’s einfach klar werden muss, dafür oder dagegen. Hast du’s mit Gott oder bist du gegen ihn? Das ist bis heute eine blamable Geschichte unter uns Christen, dass wir uns hier immer so herumdrücken an der klaren Entscheidung für unseren Gott. Gehören wir ihm ganz oder gehören wir ihm nicht ganz?

Und diese Augenblicke der Furcht, die machen erst deutlich: Wir können uns nicht auf selber verlassen: Wer sich auf sich selbst verlässt, ist verlassen, das hat ja gar keinen Wert. Ich meine immer wieder, dass Sie das auch mit Ihren Bekannten reden können, ganz schlicht. Worauf verlässt du dich einmal im Sterben? Lassen Sie den andern nur pausbacken reden: Ja da wird schon alles recht werden. Welcher Mensch spürt nicht selber, dass das frivole Sätze sind, dass er sich sehnt nach einem andern, der an ihn denkt, der für ihn eintreten kann. Denkt doch an mich, weil ich ins Krankenhaus muss. Denkt doch an mich mit meinen Schwierigkeiten. So sagen wir doch immer wieder. Wir wollen doch jemand haben, der uns trägt.

Und in dem Augenblick ist plötzlich klar, dass die große Not unseres Lebens die Schuld ist, die alte Schuld. Haben Sie’s auch gehört, dass immer wieder von christlichen Verkündigern gesagt wird, das sei nichts mehr für den Menschen von heute, das interessiere den modernen Menschen nicht mehr. Sicher, die Menschen wollen Lust und Spaß haben. Aber ist nicht die eigentliche Frage, die die Menschen umtreibt, die sie letztlich auch am Glauben hindert, dass so viel im Leben an Schutt angehäuft daliegt und das ist unbewältigt. Und man spürt, man kann ja gar nicht zu Gott zurück, weil die alte Sache nicht bereinigt ist.

Und das muss ja auch dieser Jakob gespürt haben, wenn jetzt der Esau kommt, dass er so zürnt. Ich versteh‘ ihn ja gut, ich hätte ja auch so einen Zorn. Und er kann das nicht mehr ungeschehen machen, wie er seinen Bruder betrogen hat. Und Jakob weiß, ich habe ja eigentlich Gott betrogen und meinen Vater habe ich betrogen. Ich habe ja selbstsüchtig gehandelt. In solchen Augenblicken ist das plötzlich die Frage und Sie kennen das aus Ihrem Leben: Darf ich überhaupt zu Gott kommen? Der moderne Mensch weiß etwas von Schuld, auch wenn er nicht darüber spricht.

Darum ist es so wichtig, das wir’s anderen erzählen, wie lange wir uns darum gedrückt haben und wie lange sich die Frauen und Männer der Bibel herumgedrückt haben, bis sie sich endlich den Dorn aus der Wunde sich ziehen ließen und die Sache beim Namen genannt haben. Der ganze Erfolg der letzten zwanzig Jahre, diese fruchtbaren Viehherden der gefleckten Tiere, die Jakob mitbringt, all das kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die unbewältigte Schuld sein Leben belastet. Und wie eine dunkle Gewitterwolke hängt das zwischen ihm und Gott. Jetzt verstehen Sie erst, wie kühn das war und mutig als Jakob plötzlich betet. Darf er zu Gott rufen, kann Gott in so einem Leben überhaupt noch wirken? Ist er nicht zu schlecht, zu hinterhältig, zu listig?

Jetzt beachten Sie einmal das Gebet des Jakob. Wie betet er? Du hast doch mir gesagt. Er beruft sich auf das Wort des Herrn. So machen’s Glaubende bis heute. Es ist doch nicht wichtig was ich denke, sondern: Du hast mir gesagt in deinem Wort. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Darf ich wiederkommen? Mit der alten Schuld? In dem Augenblick, wenn wir ins Licht Gottes treten, ist uns manchmal so, dass uns die Schuld noch unheimlicher, noch scheußlicher wird und blamabler. Und so ruft er zu Gott: Du hast doch gesagt: Ich will dir wohl tun. Zweimal beruft er sich darauf: Du hast gesagt und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen. Schön, wenn uns solche Bibelworte in einprägsamen Versen nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Ich darf kommen! Und a ist ein Seil von Gott aus geworfen, da kann ich mich dran hinhängen. Es ist ja merkwürdig, wie gnadenlos die Welt ist, wenn‘s um Schuld geht. Es ist ja interessant, wenn Sie jetzt die Nachrichten hören. Bin ein alter Mann und hab‘ mein ganzes Leben immer nur gehört, es gäb‘ keine richtigen Winter mehr. Jetzt gibt es mal einen richtigen Winter. Da rufen alle Leute: Wer hat die Schuld. Da hätten die Straßen gesperrt gehört, da hätt‘ nichts passieren dürfen. Irgendjemand hätte das ja wissen müssen, dass so Lawinen niedergehen. Den Schuldigen sucht man. Einer muss ja schuld sein, wegen der Versicherung. Einer muss zahlen am Ende, das man wenigstens noch Geld herauskriegt. Den Schuldigen brauch‘ ich, auf den man zeigen kann. Da könnte man sagen, das war höhere Gewalt. Den Schuldigen – wir sind ja oft so gnadenlos wie wir bei anderen alte Schuld vorrechnen.

Es ist auch bei mir merkwürdig. Ich vergesse das über Jahrzehnte nicht, wo Menschen mir Böses getan haben. Ich kann es von meinen Lehrern aus der Schule noch, ich kann’s noch genau aufzählen, wo mir Unrecht widerfahren ist. Und im Elternhaus. Was sind wir für Kleinkrämer! Wo wir doch der großen Gnade Gottes bedürfen. Und wie dieser Jakob betet: Herr, ich bin zu gering deiner Barmherzigkeit und Treue. Wenig vorher hat er noch vor seinem Schwiegervater geprahlt und gesagt: Das habe ich alles verdient. Ich habe geschafft wie ein Wilder. Und jetzt kommt’s raus: Kein Stück habe ich verdient gehabt. Über meinem versäumten Leben, über der Schuld, die mich vor Gott anklagt und dass mein Leben in diese Nöte oft hineingetaucht ist, dass ist eine Folge meiner eigenen Schuld. Was so oft Gott zugerechnet wird: Warum lässt Gott das zu? Es ist doch bloß, dass Gott uns das ernten lässt, was wir gesät haben.

Es ist erschütternd wie oberflächlich wir oft anderen das Evangelium bezeugen. Wir müssen doch Menschen immer auf den Punkt ansprechen, auf den entscheidenden Punkt, dass Gott das bereinigen will und dass wir ohne dieses gar nie froh werden und im Glauben gewiss werden können und nie unseren Weg gehen können. Es wächst eben kein Gras darüber. Es kommt die alte Schuld immer wieder raus. Und das kann die Bibel so meisterhaft zeigen: bei all den großen Gestalten, bei David und bei Petrus und wer das auch war, immer wieder mit der alten Schuld. Und Gott will vergeben und ich wollte, dass Sie heute nicht von dieser Stätte weggehen und dass Sie wissen: Meine Dinge sind gereinigt und geklärt. Jesus hat mein Leben frei gemacht von der alten Schuld, vergeben und vergessen, und ich will in meinem Leben keine Schuld von anderen mehr aufrechnen. Ich will mit der Güte Gottes erfüllt durchs Leben ziehen.

Es hat ja merkwürdigerweise den Jakob irgendwie nicht froh gemacht. Er wartet immer noch auf die Antwort Gottes. Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit, die du an mir erwiesen – na, wie sagt er? – an deinem Knecht erwiesen hast. Das haben Sie bisher aus dem Mund Jakobs noch nie gehört. Der schönste Ehrentitel. Ich will Knecht Gottes sein. Ich will nur noch Gott folgen, ihm dienen, auf sein Wort hin leben, mich von ihm leiten lassen: dein Knecht, dein Leibeigener. Fast ist er durchgebrochen zur Freude des Glaubens. Merken Sie, wie das Schritt um Schritt geht?

Und dann probiert er es doch wieder mit seiner listigen Pfiffigkeit. Noch einmal denkt er: ob er seinen Bruder nicht doch versöhnen könnte und dann probiert er es mit Geschenken. Sie wissen ja, wie nachher die Versöhnung geschah, wie sich Jakob und Esau um den Hals fallen. Wir müssen kürzen, wir können nicht mehr darüber predigen. Das müssen Sie dann lesen. Da ist kein Geschenk mehr nötig, wo Gott die Herzen berührt und wo Menschen zu einander finden. Wissen Sie, was die Klammer ist zwischen Christen, die sie verbindet? Wir können in allen politischen Fragen, in allen gesellschaftlichen Fragen verschiedene Meinungen haben, in vielen Erziehungsfragen. Die Klammer die verbindet, lautet: Halten wir Versöhnung! Dass wir alle davon leben: Wir sind Begnadigte Gottes! Darum lieben wir andere.

Aber der Jakob probiert es zuerst noch mit Geschenken und deshalb trichtert er es jetzt seinen Boten ein: sagt: Nimm dir von diesen Herden, soviel du willst. Ach das hat doch gar keinen Wert! Kaum waren die Herden abgezogen, bricht die Nacht an, jene Nacht, von der wir dann in vierzehn Tagen noch einmal hören. Diese Nacht von Pniel. Jakob ist ganz, ganz allein. Alle anderen sind weg. Und er spürt: das mit den Geschenken, das hat keinen Wert. Ich kann nicht mit Geschenken die Schuld meines Lebens aufwiegen und mich freikaufen. Und deshalb ist das auch die Frage, wenn wir manchmal sagen: Herr ich bin zu gering, ob das nicht geheuchelte Demut ist – kennen Sie das? Die Frommen können ja so heucheln. Wir machen das ja manchmal so, dass wir uns so runtersetzen: Ich bin ein ganz Schlimmer und so.

Nein, wir haben die Gnade Gottes unverdient empfangen. Jakob, hast du’s nicht begriffen? Dass solche Leute mit der großen Schuld die Vergebung empfangen, dass die Gott für wert hält, dass die Gott erwählt hat: Du bist kein Geringer, Jakob! Du bist nicht ein Unbedeutender, du bist nicht irgendein Schwacher! Sondern die Herrlichkeit des Herrn soll über dir aufgehen! Du sollst ein Segensträger werden!

Ich habe vor ein paar Tagen in Heiderabad in Indien Begegnungen gehabt mit indischen Christen, die in den Slums arbeiten. Mir hat einer erzählt, der mit einem Team in Bombay arbeitet, Zahlen, die ich nicht mehr verstehe, ich dachte, ich kenne die Not der dritten Welt. Bombay besteht heute aus 6.700 Slums. 86% der Bevölkerung Bombays von 15 Millionen, wohnen in Slums. Die Kinder haben kaum Schulmöglichkeiten. Es gibt kein sauberes Wasser. Und was sie überhaupt zahlen können müssen sie den Landlords zahlen, die ihre Blechbaracken aufgestellt haben.

Und wie die überlegt haben: Was können wir da überhaupt tun? Ich vergesse nicht eine Morgenandacht, wo einer sagte: er sei eigentlich froh, dass im Neuen Testament nie das Wort Kirche vorkäme, wohl stehe von Versammlungen drin und von Gemeinschaft und Gemeinden, aber ein Begriff sei im Neuen Testament viel größer: Reich Gottes. Die Gottesherrschaft, die anbricht. Und da ist mir plötzlich klar geworden. Das habe ich selber empfangen und mich daran gefreut, wenn das anbricht im Elend eines Slums oder in unserem satten und überreichen Europa, dass Menschen die Gottesherrschaft in ihrem Leben annehmen, also wenn es im Leben Jakobs passiert, dass der ewige Gott Menschen benützt und sie werden Segensträger und sie dürfen anderen Liebe weitergeben.

Ich kann Ihnen gar keine praktischen Anleitungen mehr geben. Da müssen Sie selber warten, wie Gott Sie führt. Das ist aber das Aufregendste, dass in unserem Leben, im schmutzigen Leben, im Leben der Sünde und der Listigkeit plötzlich Gottes Herrlichkeit aufstrahlt in seiner Erbarmung, in seiner Liebe. Wir sind ihm nicht zu gering, sondern wir sind für wert geachtet. Und dann habe ich das erlebt, wie die Gesellschaft Indiens in eine riesige Unruhe versetzt wird, die man sich hier kaum vorstellen kann. Die Christen sind erregt, alle Konfessionen bis hin zu den Katholiken. Sie machen am nächsten Sonntag zu Hunderttausenden in Heiderabat große Gebetsversammlungen, weil plötzlich ein Hass der Welt gegen sie aufbrandet, weil die Hindugesellschaft sagt: „Das dürft ihr den Outcasts, den Verlorenen in den Slums und den Tribal People, die nicht zum Kastensystem der Hindus gehören; das dürft ihr ihnen nicht sagen, dass sie von Gott angenommen sind“.

Ich habe mit Freunden von dem Graham Staines gesprochen, der in seinem Auto mit seinen zwei Söhnen verbrannt wurde auf grausamste Weise, weil er sich um Leprakranke mühte. Eine große Erregung hat die Christen jetzt befallen: Was kommt auf uns zu? Ja, unsere Welt kann das nicht fassen, dass die Verlorenen und die, die keine Hoffnung haben, von Gott erwählt sind. Und wie noch nie zuvor ist eine Aufnahmebereitschaft in den Slums und in diesen Reservaten, wo diese Ureinwohner Indiens leben, diese Hinausgestoßenen, die Herrlichkeit Gottes aufzunehmen.

Und mir ist daran deutlich geworden: Was könnte bei uns geschehen, wenn wir wieder hineinversetzt wären in die Gottesherrschaft, wenn wir durchbrechen. Jakob steht noch kurz davor. Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr bist du. Ich will doch nur dir Raum geben. Du sollst in meinem Leben herrschen. Aber da müssen Sie eine klare Übergabe machen, eine klare Hingabe. Auf dem Flughafen von Bombay saßen plötzlich neben mir drei Schwaben und haben sich unterhalten. Und dann sprach ich mit ihnen und da kam es plötzlich heraus, dass es Christen von den Fildern waren. Und der eine hat dann zu mir gesagt: Das möchte ich Ihnen noch mitgeben: Ich war in Amerika, aber da hat man jeden Sonntag gesagt: Wer heute sich bekehren will, der soll’s nutzen. Ich werd’s nicht jeden Sonntag machen. Aber ich will Ihnen heute sagen: Machen Sie’s doch. Machen Sie’s doch fest! Gehen Sie nicht fort, wenn Sie noch mit jemandem beten. Machen Sie’s klar für Ihr Leben. Ich möchte meinem Herrn ganz dienen, nicht mit meiner Listigkeit mein Leben bewältigen, meine Lebenskrisen, sondern ich will mein Vertrauen ganz auf den Herrn setzen, bei dem nichts unmöglich ist. Amen.

Pfr. Winrich Scheffbuch

Predigt vom 28. Februar 1999

Quelle: www.sermon-online.de

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 3. Februar 2018 um 14:40 und abgelegt unter Predigten / Andachten.