Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Ethik als Weg der Erlösung?

Montag 28. August 2017 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

Die Liebe sei das „oberste Grundmotiv“ der Bibel. Das Doppelgebot der Liebe aus Matthäus 22 wird als „rettende Lehre“ bezeichnet. So zu „leben wie Jesus“ – das sei das Evangelium. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau fasst in ihrer Bierdeckelaktion „die 30.442 Verse der Bibel“ zusammen: „Es geht um die Liebe – zu Gott, zu sich selbst und dem Nächsten – so bringt es jedenfalls Jesus auf den Punkt.“ Ernsthafte Theologie hat die Liebe schon immer beachtet, denn sie beschäftigt sich mit Gott, der die Liebe ist (1 Joh 4,16). Echter Glaube führt zu liebevollem Tun. Dogmatik und Ethik gehören zusammen. Doch inzwischen ist Orthodoxie, die rechte Lehre, out, und Orthopraxis, das rechte Tun, ist in.

So fordert der aus Nordirland stammende Peter Rollins in „How (Not) to Speak of God“ den Übergang „vom Wissen [o. Erkenntnis, engl. knowledge] zu Liebe“. Der christliche Philosoph will Orthodoxie bewusst ganz neu definieren: „‚Richtiger Glaube‘ wird zu ‚auf die richtige Art glauben‘.“ Was glaubst du?, die Frage nach den Inhalten, wird zur Seite geschoben. Wie glaubst du? rückt bei Rollins an die erste Stelle. Orthodox, also rechtgläubig, ist nach Rollins Vorstellung dann jemand, „der mit der Welt in der rechten Beziehung steht, nämlich in der Weise der Liebe“. Liebe bleibt bei ihm als einziges Prinzip der Ethik, aber vor allem auch der Erkenntnis Gottes übrig: „Die einzige religiöse Erkenntnis, die irgendetwas wert ist, ist die Liebe“. Bei Rollins hat sich die Dogmatik in der Ethik aufgelöst.

Das Christentum ist historisch gesehen im Kern eine Erlösungsreligion, die zu einer erneuerten Ethik geführt hat. Das gute Tun des Menschen steht nicht im Zentrum der Religion, weil der gefallene Mensch mit seinen Werken eben nichts zu seinem Heil beitragen kann. Erst muss der Baum neu gemacht werden, bevor er gute Früchte hervorbringen kann.

Zu was ist der sündige Mensch noch fähig? Dies ist, so Luther im Streit mit Erasmus, die entscheidende Frage der Theologie. Bekanntlich traute der Reformator dem freien Willen des Menschen in Fragen des Heils nichts zu. Geradezu prophetisch sah er voraus, dass die vor allem auf eine moralische Erneuerung der Gesellschaft abzielende Auffassung des Erasmus zu einem ganz neuen Religionsverständnis führen würde. Zwei Generationen nach Luther lag dieses neuartige ethische Religionsmodell des Christentums mit dem Sozinianismus vor.

An der Wiege des Sozinianismus stehen die namensgebenden Italiener wie Lelio und dessen Neffe Fausto Sozzini. Letzterer lebte lange in Polen, wo es in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Kirchenbildung der die Dreieinigkeit leugnenden Unitarier kam. Die Anfänge des Sozinianismus untersuchte der aus Litauen stammende Pfr. Kestutis Daugirdas in seiner Habilitationsschrift, die im vergangenen Jahr bei V&R erschien.

Der Sozinianismus fand auch bald Anhänger in Deutschland. Daugirdas geht ausführlich auf Christoph Ostorodt ein, der um 1560 in der Familie eines Goslarer Pfarrers geboren wurde und an der Universität Königsberg studierte. 1585 ging er durch Wiedertaufe in die unitarische ecclesia reformata minor in Polen über, wurde bald Pfarrer und stand seit  1594 in direktem Gedankenaustausch mit Fausto Sozzini. Ostorodts Unterrichtung aus dem Jahr 1604 wurde der „erste zusammenhängende Entwurf der sozinianischen Kernanliegen“ und auch das „erste deutschsprachige Kompendium“ der Bewegung, so Daugirdas.

Die Sozinianer bemühten sich um einen vernunftgemäßen Glauben, wurden damit zu Vorläufern der Aufklärung. Daugirdas: „Logisch nicht nachvollziehbare Dogmen, wie etwa Trinitätslehre und Zwei-Naturen-Lehre, bildeten kein biblisches Gedankengut, weil sie den Gesetzen der Vernunft widersprachen. Die Vernunftkompatibilität war somit in der Unterrichtung zum expliziten Kriterium der Glaubenssätze avanciert, dem die Rolle einer exegetischen Direktive zufiel.“

Ostorodt bestritt in der Unterrichtung, „dass der Sündenfall bleibende Auswirkungen auf die menschliche Natur gehabt haben könnte“. Er folgte damit Sozzini, dessen „die Erbsünde zersetzende Anthropologie“ nun bei Ostorodt „einschneidende Auswirkungen“ zeigen sollte. Der Mensch nach dem Fall ist im Grunde immer noch in der Lage, den ethischen Weisungen Gottes zu folgen und kann daher durch sein Tun zum Heil gelangen.

Wie später dann in der liberalen Theologie ging das ganze Gewicht vom Tod Jesu auf seine Lehre über. Der „Satisfaktionsgedanke“, also die Lehre von der stellvertretenden Sühne und Genugtuung Christi durch den Kreuzestod, wurde durch Ostorodt „denkbar knapp zersetzt“. Er konzentrierte sich vielmehr auf die ethischen Unterweisungen Jesu, deren Erläuterung ein Viertel der Unterrichtung einnehmen. Jesus kam, um eine neue Morallehre zu geben – nicht, um sich selbst zu geben: „Pointiert begründete Ostorodt die messianische Bedeutung Christi mit seinen im historischen Vergleich einzigartigen Verheißungen und Geboten: Christus habe nicht nur als erster die Botschaft vom ewigen Leben verkündet, die ihn klar über Moses stellte, sondern auch die weitaus vortrefflicheren moralischen Gebote gebracht.“

In den Augen der Sozinianer wie Ostorodt ist die christliche Religion wie die mosaische auf die Erfüllung von Geboten ausgerichtet, wobei die christliche höher steht, da sie auf Unsterblichkeit und ewiges Leben ausgerichtet ist. Daugirdas fasst zusammen: „Der christliche Glaube war für sie [die Sozinianer] primär und hauptsächlich zum movens der sittlichen Haltung des Individuums geworden; er stützte sich zwar auf die jenseitige Hoffnung – die Zusage des ewigen Lebens -, war aber im Vollzug nichts anderes als eine ausschließlich im Diesseits gelebte Ethik.“

In denselben Spuren dachte auch Johannes Völkel (um 1560-1616). Gegen Ende des 16. Jahrhunderts meinte Sozzini in einem Brief an diesen, „heilsnotwendig sei ausschließlich die Erkenntnis, welche die durch die Gebote Christi regulierte Ausrichtung des Menschen auf Gott hin eröffne“. Diese „Herausschälung der ethischen Botschaft als des eigentlichen Kerns des Christentums muss Völkel unmittelbar eingeleuchtet haben“, so Daugirdas.

Sein posthum erschienenes Werk De vera religione libri quinque gestaltete Völkel „als eine Geschichte der Vervollkommnung der Gebote und Verheißungen Gottes, die den Menschen zum immer devoteren und edleren Verhalten anspornen sollten.“ Die „vollkommenste“ Stufe der religiös-sittlichen Entwicklung der Menschheit wurde mit der „von dem Menschen Jesus verkündigten und exemplarisch vorgelebten Botschaft vom ewigen Leben“ und außerdem „mit den moralischen Weisungen“ des Messias, die den Dekalog perfektionierten, erreicht.

„Das ganze Gedankengebäude der Libri quinque beruhte auf der anthropologischen Grundannahme, dass das menschliche Individuum ein rationales Wesen sei, das dank seines diskursiven Vermögens das sittliche Erstrebenswerte von dem Verwerflichen eigenständig zu unterscheiden und zu ergreifen vermochte.“ Das „ethisch Korrekte“ ist „als maßgebliche Richtschnur des Handelns zu erkennen“. Der Sündenfall berührte nicht die Willensfreiheit.  „Begleitet wurde das Postulat des freien Willens von der Vorstellung der Erziehbarkeit der religiös-sittlichen Anlage des Menschen durch Bildung und positive soziale Einflüsse.“ Zur Theologie im Schatten der Aufklärung ist es damit nur noch ein Schritt.

Jan Rohls bezeichnet den Sozinianismus in Offenbarung, Vernunft und Religion als „rationalen Supranaturalismus“. Der moralische Inhalt des christlichen Glaubens muss durch übernatürliche Offenbarung bekannt gemacht, hat aber den Kriterien der Vernunft zu genügen. Jesus, der nur Mensch war, wurde in der Vorstellung vieler Sozinianer vor seinem Auftreten in den Himmel entrückt, um dort eine Art göttlichen Unterricht zu in dieser übernatürlichen Morallehre zu erhalten. „Der Gehalt der christlichen Religion wird identifiziert mit der Moral, die wir zur Heilserlangung zu befolgen haben“, so Rohls.

Schon im frühen 17. Jahrhundert hatten reformierte und lutherische Theologen in den Niederlanden und Deutschland erkannt, dass das ethische Religionsmodell mit dem orthodoxen Christentum unvereinbar ist (Daugirdas schildert die Reaktionen in Heidelberg, Jena und Wittenberg). Aufnahme fand sozianisches Gedankengut aber bei den Remonstranten oder Arminianern, den Anhängern des Jacobus Arminius.

Einflussreich wurde unter ihnen vor allem Simon Episcopius (1583-1643), dessen Denken zumindest semi-sozianisch zu nennen ist und in dem die Sozinianer Polens immer einen Glaubensgenossen sahen. Episcopius erwähnte in frühen Schriften die Erbsünde noch, die bei ihm „sachlich aber so weit ausgehöhlt wurde, dass sie jegliche Bedeutung verlor“, so Daugirdas. In den Institutiones theologicae ist sie dann schon eine „Erfindung des Augustinus“. Episcopius lehrte ebenfalls die Vervollkommnung der ethischen Gebote in der Offenbarung Gottes. Er bestimmte das Wesen der Theologie „als rein praktisches, auf die religiös-sittliche Haltung des Individuums abzielendes Wissen“ (Daugirdas). Die Neologen, die evangelischen Aufklärungstheologen des 18. Jahrhunderts, griffen diesen Gedanken gerne auf. Die sozinianische Saat geht seitdem immer wieder auf.

Holger Lahayne, 4. August 2017, www.lahayne.lt

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 28. August 2017 um 17:23 und abgelegt unter Theologie.