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„Lutherbibel revidiert 2017“ – gemessen am Original (1545)

Montag 7. August 2017 von Pastor Andreas Volkmar


Pastor Andreas Volkmar

Am 19. Oktober 2016 erschien die „Lutherbibel revidiert 2017“ während der Frankfurter Buchmesse. Geworben wird für diese Bibel auf der Umschlagbanderole mit Worten. „Das Original – so zuverlässig wie nie! Vollständig überprüft und durchgehend auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand!“ „Der Klassiker – jetzt noch prägnanter! Die vertraute und eingängige Luthersprache vielfach wieder hergestellt.“

Eine solche Werbung weckt bei einem kundigen Leser Erwartungen. Er denkt dabei an die letzte Gesamtausgabe der Heiligen Schrift von 1545, die Martin Luther noch verantwortet hat. Schon in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts legte der Deutsche Taschenbuchverlag[1] in einer dreibändigen Taschenbuchausgabe diese Bibel in moderner Druckschrift neu auf. Obwohl es schon einige Mühe kostet, kann doch der heutige Leser entdecken, welchen Schatz Luther uns hinterlassen hat. Denn es liegt nicht nur eine reine Übersetzung vor, sondern mit den Vorreden zu den biblischen Büchern und den Seitenanmerkungen liegt so etwas wie eine „Studienbibel“ vor. Der Reformator leitet den Leser an, wie er die Bibel in rechter Weise lesen und verstehen kann.  Diese Besprechung kann nicht auf alle Einzelheiten eingehen. Deutlich wird aber immer wieder, dass die Heilige Schrift vordringlich Christuszeugnis ist. Zwei Beispiele seien hier angeführt:

  1. So sieht der Reformator im Gerichtswort an die Schlange in 1. Mose 3,15 auch das erste Evangelium, das von Anfang den Menschen Hoffnung gab. Darin folgte Luther den Vätern der alten Kirche: „Das ist das erste Evangelium und Verheißung von Christus geschehen auf Erden. Das er sollt Sünd, Tod und Hölle überwinden und uns von der Schlangen Gewalt selig machen. Daran glaubte Adam mit allen seinen Nachkommen. Davon er Christ und selig geworden ist von seinem Fall.“[2]
  2. In seiner Vorrede zum Propheten Jesaja hält Luther sinngemäß fest, dass dieser wie sonst kein anderer Prophet Jesus vorhersagen würde und, „dass er auch die Mutter Christi, die Jungfrau Maria beschreibt, wie sie ihn empfangen und gebären soll.“[3]

Hilfreich ist auch seine Anmerkung zu Römer 15,8 an „Summa summarum dieser Epistel: Juden und Heiden sollen selig werden etc.“[4] Hier zeigt sich, dass auch der „späte Luther“ daran festgehalten hat, dass auch die Juden gerettet werden sollen.

Luther hat mit der Bibel 1545 Maßstäbe gesetzt, die eine Revision, die sich auf das „Original“ beruft, beachten muss.

Inwieweit gelingt es der „Revision 2017“  diesem selbstgestellten Anspruch gerecht zu werden?

Leider ergibt sich ein widersprüchlicher Eindruck. Auf der einen Seite kehren die Herausgeber in sinnvoller Weise zum „Original“ zurück.

So wird jetzt wieder in 1. Mose 3,15 vom „Samen“ der Frau und der Schlange gesprochen. Es wird verständlicher, warum in der altkirchlichen und reformatorischen Schriftauslegung diese Stelle als „Protevangelium“ (Erstes Evangelium) verstanden wurde. Das Bild des Samens verbindet sich einsichtiger mit messianischen Verheißungen, wo vom „Spross“, der „Wurzel“ oder dem „Reis“ gesprochen wird. Trefflich ist es auch, dass im „Lobgesang des Zacharias“ wieder vom „Horn des Heils“ (Lk 1,69) gesprochen wird. Das „Horn“ verweist nämlich auf die Hörner des alttestamentlichen Brandopferaltars, die für Sünder als Zufluchtsstätte dienten (vgl. 1. Kön. 1,50). So wird deutlich, dass es an dieser Stelle nicht nur um die Macht und Kraft des Messias, sondern um sein Wirken als Heiland und Retter geht.

Leider wird  an anderen Stellen diese Sicht in Frage gestellt, indem man u.a. die Jungfrauengeburt bezweifelt. Die Übersetzung Jes 7,14 lautet noch „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger…“ Die Anmerkung dazu erklärt aber, dass es wörtlich „junge Frau“ bedeutet. Die Worterklärungen im Anhang unter dem Stichwort „Jungfrau“ verstärken dann die Tendenz, die Jungfrauengeburt Jesu zu hinterfragen: „Die Aussage von der jungfräulichen Empfängnis Jesu (Mt 1,23; Lk 1,27) will nicht als biologisches Wunder, sondern als eine theologische Aussage über seine göttliche Herkunft verstanden werden.“ [5]

Zu Jes 7,14 ist zu sagen: Das hebräische Wort „almah“ kann auch „junge Frau“ bedeuten. Es kommt aber darauf an, in welchen Zusammenhängen es gebraucht wird. Otto Betz, ein Pionier der Qumranforschung und Judaist, sagt: „Das seltene Wort almah meint eben nicht die verheiratete junge Frau, sondern das heiratsfähige junge Mädchen, das noch Jungfrau ist (virgo matura) …[6]

Auch wird Römer 9,5 nicht mehr als Bekenntnis zur  Gottheit Jesu wiedergegeben. Hieß es bisher: „Aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit.“; heißt es nun: „Aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit.“ Dazu kommt die Anmerkung „Luther übersetzte nach dem lateinischen Text »Christus … der da Gott ist über alles.«“ So entsteht der Eindruck, dass jene Übersetzung, die Christus als Gott bekennt, sich der lateinischen Übersetzung verdankt. Nun ist es aber so, dass schon griechische Kirchenväter wie Irenäus und Athanasius Römer 9,5 im Sinne von »Christus … der da Gott ist über alles.« verstanden haben.  Unbeachtet bleibt,  dass Römer 9,5 in den lutherischen Bekenntnisschriften ein Schriftbeleg ist, um die wahre Gottheit und Menschheit Jesu zu bezeugen: „Wir glauben, lehren und bekennen, …dass Christus Jesus nunmehr in einer Person zugleich wahrhaftiger, ewiger Gott sei, vom Vater von Ewigkeit her geboren, und ein wahrhaftiger Mensch, von der hochgelobten Jungfrau Maria geboren, wie geschrieben steht, Röm 9 [,5]: »aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, der Gott ist über alles, gelobt in Ewigkeit«.“[7]

Bedenklich ist manches in der Zeittafel im Anhang der Revision 2017. Nicht immer kann eine genaue Chronologie biblischer Ereignisse erstellt werden. Dennoch lassen sich die meisten Ereignisse geschichtlich grob zuordnen. Bisher hielten Lutherbibeln fest, wann ungefähr die Erzväter wie Abraham wirkten und in welcher Zeit der Auszug aus Ägypten geschah. In der Revision 2017 tauchen diese Ereignisse nicht mehr auf. Die Geschichte des Alten Testaments beginnt mit dem Königreich Sauls. Man kann vermuten, dass hier die Meinung mancher Alttestamentler aufgenommen wird, die nicht mit der Faktizität dieser Ereignisse rechnen.

Den größten Eingriff in das „Original“ stellt die Einfügung der Wendung „Brüder und Schwestern“ (u.a. Apg 15,32; 16,40; 21,17; 28,14; Röm 1,13; 7,4; Phil 1,12; Gal 1,2; Hbr 3,12) dar, wo im Urtext nur der männliche Plural steht. Es mag sein, dass an etlichen Stellen auch immer die christlichen Schwestern angesprochen sind. Diese Vermutung kann ich anmerken und diskutieren, aber den Text so zu ergänzen, ist fragwürdig. So fällt gar nicht mehr auf, wo die „Schwestern“ tatsächlich ausdrücklich erwähnt werden: Mt 12,50; 19,29; Mk 3,32; 3,35; 6,3; 10,29f; Lk 14,26; 1. Kor 7,15; 1. Kor 9,5; Jak 2,15. Wer keinen Zugriff auf den Urtext hat,  kann nicht feststellen, wo wirklich der Begriff „Schwester“ ausdrücklich vorkommt?

Gemessen am „Original“ muss festgestellt werden, dass die „Lutherbibel revidiert 2017“ versucht, Anliegen des Vorbildes aufzunehmen. Teilweise gelingt dies. Es gibt Stellen, wo deutlich wird, dass die Bibel Christuszeugnis ist. An anderen Stellen wird diese Linie aber durch Übersetzung und Anmerkungen in Frage gestellt. Es wäre sinnvoll, wenn diese Revision im Sinne des  Originals überarbeitet würde. Bei der Revision 1975 hatte man schon einmal den Mut, einen solchen Schritt zu wagen.

Pastor Andreas Volkmar, Bielefeld

Dieser Beitrag ist im „Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes“ (Juni 2017) erschienen. Wenn Sie den „Aufbruch“ kostenlos abonnieren möchten, schreiben Sie bitte an info@gemeindehilfsbund.de.

[1] D. Martin Luther: Biblia Das ist die gantze Heilige Schrift Deudsch auffs new zugericht, Hrsg: Hans Volz, München 1974

[2] Biblia, S.20

[3] Biblia, S. 1170

[4] Biblia, S. 2293

[5] Luther 2017, S. 344

[6] O. Betz, Was wissen wir von Jesus? Der Messias im Licht von Qumran, Wuppertal, 19993, S. 128 f.

[7] Konkordienformel, Solida Declaratio VIII, zitiert nach „Unser Glaube, die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche“, hrsg. Vom Amt der VELKD, Gütersloh, 2013, S. 857f

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 7. August 2017 um 9:19 und abgelegt unter Kirche, Theologie.