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Geistliches Wort über 2. Timotheus 3,14-17: „Auf das Evangelium zurückgeworfen“

„Du aber / bleibe in dem das du gelernet hast / vnd dir vertrawet ist / Sintemal du weissest / von wem du gelernet habst / 15 Vnd weil du von kind auff die heilige Schrifft weissest / kan dich dieselbige vnterweisen zur seligkeit / durch den glauben an Christo Jhesu. 16 Denn alle Schrifft von Gott eingegeben / ist nütz zur lere / zur straffe / zur besserung / zur züchtigung in der gerechtigkeit / 17 Das ein Mensch Gottes / sey volkomen / zu allem guten werck geschickt.“ (2 Tim 3,14-17) (Luther 1545, letzte Hand)

Situationsbeschreibung Teil I: Was gäbe ich dafür, würde dieses Wort Gottes aus der Heiligen Schrift doch ernster genommen! Was haben wir gerade wieder auf dem EKD-Parteitag, der sich „Kirchentag“ nennt alles hören müssen. Ein Gräuel! Ein großer Gräuel (der Geschäftsführer des Gemeindehilfsbundes, Johann Hesse, hat dazu kürzlich das Nötige geschrieben). Mit Schrift und Bekenntnis wird Schindluder getrieben; weder das eine noch das andere wird ernst genommen, geschweige denn die Heilige Schrift als das von Gott eingegebene Wort verstanden. Nur ein Beispiel herausgegriffen: Die Reformationsbeauftragte, wir kennen sie. Ich bin dabei unbedingt überzeugt, dass die EKD-Gliedkirchen genau jene Reformationsbotschafterin bekommen haben, die sie verdienen! Wenn die sogenannte Reformationsbeauftragte sagt, dass die Bibel ein Buch ist, das gedolmetscht und übersetzt werden muss, dann zeigt das, dass sie sich schlicht auf vorreformatorischen Stand befindet! Es war die römisch-katholische Kirche, die die Übersetzung der Heiligen Schrift und ihre Lektüre den Gläubigen erschwerte. Luther hat in seinem fulminanten Deutsch diesem Deutsch nicht nur Richtung und Stil gegeben; er war es, der die Bibel gedolmetscht und ins Deutsche übersetzt hat. Wenn die Reformationsbeauftragte solches sagt, hat für sie offensichtlich die Reformation nicht stattgefunden, was einiges ihrer weiteren Aussagen durchaus erklären helfen könnte. Gleichwohl ist es ein trauriges Beispiel des heutigen Umgangs mit der Heiligen Schrift. Traurig und leider symptomatisch! Doch wollen wir uns im Rahmen dieser Andacht nicht an den überaus bedauerlichen Phänomenen des Abfalls im deutschen Protestantismus abarbeiten. Davon kann der Gemeindehilfsbund ein langes Lied, oder besser, ein Klagelied singen.

Situationsbeschreibung Teil II: Noch heute versteht man vielfach unter Protestantismus die unbedingte Freiheit des einzelnen, sich seinen Glauben in der Schrift selbst zusammenzusuchen oder schließlich auch ohne die Schrift sich seinen Glauben zu bilden und sich von der Autorität der Schrift und der kirchlichen Lehre zu dispensieren und dabei doch – oder eben darum – ein guter Protestant zu sein. Genau so hatte es Luther nicht gemeint, das war ihm nicht in den Sinn gekommen, eine solche unbeschränkte Freiheit zu predigen und sie zur Grundlage der Kirche zu machen. Seine Person war ihm gleichgültig, mögliche Auswirkungen auf die Gesellschaft auch. Was ihn ergriff war das Eine: die Frage nach dem Evangelium! Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie entgehe ich der ewigen Verdammnis, die ich um meiner Sünde willen mehr als verdient habe? „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis und Himmelfahrt der geistgewirkten Gotteserkenntnis“; Gesetz und Evangelium waren die Themen seines Lebens. Er fand die Antwort in dem Bekenntnis, mit dem nach seinen Worten die Kirche steht und fällt: im Evangelium vom Kreuz Jesu Christi, verkündigt durch das Wort Gottes.

Aber auch für den einzelnen Gläubigen fiel es Luther nicht ein, eine solche Freiheit zu lehren, vermöge derer jeder selbst nach Gutdünken die Schrift deuten und kritisieren und sich zum Richter über die Wahrheit aufwerfen kann. Seine Meinung war nicht, dass der Einzelne und seine Vernunft Quelle und Norm der Wahrheit sein solle – nichts lag ihm ferner – vielmehr sollte er Empfänger der Wahrheit sein. Die Wahrheit solle sein persönlicher Besitz und seine persönliche Gewissheit, aber nicht sein individuelles Erzeugnis sein. Quelle und Norm der Wahrheit war ihm die göttliche Offenbarung, die ihre Urkunde und ihr Zeugnis in der Schrift hat. Ihr ist der einzelne untergeordnet, nicht übergeordnet. Sie, die Schrift, ist Richterin und Autorität, nicht der Mensch. Sodann: „Wenn Luther sich auf sein Gewissen beruft, so war es sein im Wort Gottes gebundenes Gewissen, also im Grunde dieses Wort Gottes selbst, auf das er sich berief. […]Er kannte kein Recht des Subjekts, außer in der Unterordnung unter die höhere Autorität der göttlichen Wahrheit, deren Offenbarerin ihm allein das Wort Gottes und deren Bewahrerin ihm die Kirche war. Das also war die Subjektivität der Reformation, eine ganz andere als die Subjektivität des modernen Rationalismus, dessen Grundsatz somit zwar an die Reformation anknüpft, aber die Entstellung der Reformation ist.“ (Prof. Christoph Ernst Luthardt, „Vorträge über die modernen Weltanschauungen“, gehalten zu Leipzig im Winter 1880, S. 29 ff. – die Reformationsbotschafterin 137 Jahre später vorausahnend).

Kirche, Gemeinde stehen immer in einer eigenartigen Gefahr der Gefangenschaft: Menschenwort lenkt von Gottes Wort ab. Die Überheblichkeit des Menschen führt ihn von Gottes Wort weg!

Die heutigen Landeskirchen sind gefangen im politischen Milieu in der Welt. Sie enthalten den Gläubigen Evangelium und Gotteswort vor, und in ihrem hypermoralisch aufgeladenem Diskurswillen sind sie damit auf unterstes vorreformatorisches Niveau gefallen. Sie relativieren nicht nur ihre eigenen Grundlagen (Bibel und Bekenntnis); sie ignorieren sie, ja arbeiten aktiv dagegen und arbeiten so gegen sich selbst, indem sie das Kirche-sein nach CA VII nicht mehr erfüllen können.

„Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ (2 Tim 3,14-17, Luther 1984)

„Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast“: Dabeibleiben, Festhalten! Das ist die Devise! Festhalten, was einem gegeben ward, heißt für uns: an der guten Nachricht, am Guten festhalten! „Christus aber erweist seine Treue als Sohn und damit als Herr über das Haus Gottes. Und dieses Haus sind wir – vorausgesetzt, wir halten voll Zuversicht und Stolz an der Hoffnung fest bis wir am Ziel sind.“ (Hebr 3,6). Dieses Dabeibleiben ist durch Zuversicht geprägt und soll selbstsicher vollzogen sein. Dieses Dabeibleiben ist eine notwendige innere Haltung. „Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasset uns festhalten an dem Bekenntnis! (Hebr 4,14). Das Gute beinhaltet die feste Zuversicht auf das ewige Leben und Sein mit Jesus Christus, unserem Herrn. Das heißt dann ebenso: Es ist ein Ausharren! Wir dürfen ausharren – dürfen uns gedulden, beständig sein und nicht wanken: Ausharren und Festhalten sind christliche Privilegien und sehr tröstlich in diesen Zeiten! Wir dürfen wissen, dass das, was uns gegeben ist, ausreichend ist. In diesem Wissen liegt viel christliches Vorrecht wie christliche Freiheit.

„Die Heilige Schrift ist ein Buch, das alle Weisheit anderer Bücher zur Narrheit macht.“ (Luther) Es benötigt keinen modernen Zauber, um mit der angeblich neuen bzw. modernen Zeit zu gehen. Das heißt eben, dass es menschengemachten Tand und Zusatzlehre nicht braucht, dass es eben nicht nötig ist, sich in eine neue, eine andere Gefangenschaft zu begeben; sich letztendlich zu stellen, „wie vormals“. S.a. Offb 3,11: „Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“

Was wir da haben ist die Schrift, von Gott eingegeben! Sein Wort! „Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz; die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.“ (Ps 19,9). Das ist ein Aufleuchten für uns und unseren Geist und Seele. Das Wort ist ein solches einzigartiges Licht! Und weil das so ist, hat sich der GHB zu Recht mit Psalm 119,105 den Titel seiner Jubiläumskonferenz gegeben: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ Nur in dieser gottgewirkten Helligkeit herrscht für meinen beschränkten Verstand die nötige Klarheit, um zu erkennen, welche Wege in die Ewigkeit führen und welche mich davon abbringen. Gott hat uns nicht einfach irgendetwas zu erzählen, sondern es geht um unsere Seligkeit, das heißt, um die Rettung, die Erlösung. Nur die von Gott eingegebene Schrift kann uns „unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus“. Das ist der Sinn und Zweck des Ganzen. Es geht nicht bloß um Informationen zur Geschichte Israels oder anderer Besonderheiten damaliger Zeiten. Schon gar nicht kann es darum gehen, die Bibel als Mittel zu benutzen, um die Überlegenheit theologisch-wissenschaftlicher Auslegungsmethoden über die Aussagen der Schrift selbst zu stellen. Sondern es geht darum, wie unser Leben ein Leben aus Gott und mit Gott sein kann, ein erfülltes und erlöstes Leben. Martin Luther hat das sinngemäß einmal so gesagt: die ganze Schrift verkündigt uns Jesus Christus als unsern Heiland. Darauf zielt alles ab: die Gotteserkenntnis, die Menschen- und Selbsterkenntnis, die Verkündigung von Sünde und Gesetz und von Heil und Gnade. „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis und Himmelfahrt der geistgewirkten Gotteserkenntnis.“

„So wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein.“ (V. 17)

Wer kennt die Anfeindungen nicht? Von außerhalb der Gemeinde sind sie spürbar. Doch am schlimmsten vielleicht sind jene die aus den eigenen kirchlichen Reihen ergehen. „Um zu verstehen, dass man zur Kirche Jesu Christi gehört, muss man begreifen, dass man nicht für die Kirche leidet sondern durch die Kirche.“ Wir lesen in Mt 10,22: „Und ihr werdet gehasst werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig.“ Gedenken wir der Christenverfolgung überall in der Welt! Die am stärksten verfolgte Religion sind die Christen! Jedoch: Eine erste Frucht des Festhaltens und Ausharrens ist die Ausdauer. Die Stetigkeit und Treue, die Unerschütterlichkeit des Alles-aufs-Wort-Gottes-setzens ist ein großartiges Geschenk. Was gescholten wird als Engstirnigkeit und Ewiggestrigkeit ist in Wahrheit Stabilität und Festigkeit. Durch diese Stabilität und Festigkeit wird „der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein.“ Denn dieser Glaube, der am eingegebenen Wort Gottes klebt und nicht lassen will noch kann, der ist auch fähig und willens, zu bekennen. „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ (Röm 10,9) Dieser Glaube und dieses Bekenntnis führen zum Ziel. Alles andere, das nicht Jesus Christus als den Weg, die Wahrheit und das Leben bekennt, führt auf Irrwege, führt in Gefangenschaften der unterschiedlichsten Art, die von der Rettung wegführen. Deswegen lohnt sich das Mühen und der geistliche Eifer: „Darum, Brüder und Schwestern, bemüht euch umso eifriger, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr niemals straucheln, und so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.“ (2. Petr 1,10f). Es ist und bleibt unabdingbar, das Annehmen des Wortes als von Gott eingegebene Schrift um der Seelen Seligkeit zu erlangen: „Darum legt ab alle Unsauberkeit und alle Bosheit und nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.“ (Jak 1,21)

Das trägt nicht nur Früchte, sondern gleichfalls durch schwere Zeiten.

So berichtete mir ein bibeltreuer, bekenntnisfester, lutherischer Pfarrer einige Begebenheiten aus tiefsten DDR-Zeiten. Die Umstände waren antikirchlich, antichristlich, antifreiheitlich, politisch sehr korrekt (würde man heute vielleicht sagen). Doch er arbeitete am Reich Gottes, ganz unbeirrt. Neben Kindertaufen gab es auch Erwachsenentaufen, und viele Glaubenskurse trotz alledem. Dieser Mann Gottes kannte die gesamte Palette an Errungenschaften sozialistischer Diktaturen – Bespitzelungen, Benachteiligungen, Verleumdungen etc. Und er resümierte: „Das Gute an dieser an sich schlimmen Situation war, dass wir nur mit dem Evangelium argumentieren konnten. Wir konnten nicht zu unserem Vorteil, zugunsten unserer Position politisch argumentieren. Wir waren auf das Evangelium zurückgeworfen!“

Mich beeindruckte diese Geschichte aus unserer Lebenszeit. Dieser liebe Glaubensbruder feiert bald seinen 85. Geburtstag, so Gott will. Es ist ein beeindruckendes Bekenntnis zur Kraft des Evangeliums. Eine Kraft, die sich zu allen Zeiten zeigt!

Es ist ein Beweis sowie ein Zeichen für den Weg, den Gläubige, Gemeinden und Kirche nur gehen können und allein zu gehen haben. Im Zeichen des Rückzuges des Kreuzes aus dem öffentlichen Raum, und noch schlimmer, aus den Herzen der Menschen, im Zeichen des Vormarschs einer Ideologie des Hasses gegen Andersgläubige namens Islam, im Zeichen des Vergessens der Bildung und des zumeist völlig fehlgeleiteten Religionsunterricht kann es 500 Jahre nach dem Thesenanschlag nunmehr nur darum gehen, erneut allein mit der Kraft des Wortes Gottes, zurückgeworfen auf das Evangelium Christus zu bekennen und sich nicht überwinden zu lassen.

Es bleibt durch alle Zeiten gleich: „Denn alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit (Jes 40,6-8).“ (1 Petrus 1,24f).

Dr. Jörg Michel, Geistliches Wort beim Jahrestreffen des Gemeindehilfsbundes in der Geschäftsstelle des GHB in Walsrode-Düshorn am 17. Juni 2017